The Holy Trinity: Kamera-Objektive und wie ich sie nutze

Von Tilman Lochmüller // Samstag, Oktober 08, 2016
The Holy Trinity: Kamera-Objektive und wie ich sie nutze

Gute Fotografie hat meistens wenig mit der verwendeten Kamera, aber viel mit dem Fotografen zu tun. Es gibt erfolgreiche Fotografen, die eine Kunst daraus gemacht haben, ihre Projekte mit Smartphones zu fotografieren. Andere nutzen zum Beispiel für Reportagen billige Snapshot-Kameras, haben dafür davon aber dann gleich mehrere dabei. So können sie unauffällig arbeiten, sozusagen im Touristen-Modus. Was zählt ist die Originalität des Ergebnisses. Verglichen damit, arbeite ich eher konventionell - mit ein oder zwei Nikon-Gehäusen und einer Reihe von Wechsel-Objektiven. Und über meine bevorzugten Linsen will ich hier etwas mehr schreiben.

Ich fange mit etwas an, bei dem sich die Geister der meisten Fotografen scheiden. Welche Philosophie ist bei der Auswahl der Objektive die beste? Setzt man auf Zooms (mit verstellbaren Brennweiten) oder Primes (feste Brennweite)? Oder beides? Für die Zoom-Fraktion gibt es bei Nikon eine in Fachkreisen als „Holy Trinity“ bekannte Kombination: die Nikkore für Fullframe-Kameras mit den Brennweiten 14-24, 24-70 und 70-200mm, jeweils mit einer maximalen Blenden-Öffnung von f2.8. Der Vorteil: Mit dieser „Dreieinigkeit“ sind alle gängigen Brennweiten verfügbar – bei für Zooms sehr guter Bildqualität.

Ich folge bei meiner Arbeit dem anderen Modell: Primes only. Festbrennweiten bieten – wie der Name vermuten lässt - nur eine Brennweite, dafür aber eine höhere Bildqualität und eine größere maximale Blenden-Öffnung zwischen f1.4 und f2.8. Meine „Dreieinigkeit“ besteht aus den Nikkoren 20/f1.8, 50/f1.4 und 105/f2.8 – meinem Minimal-Set, z.B. für Reisen. Bei größeren Events kommt noch ein 85/f1.8 und ein einziges Zoom, ein schon älteres Nikkor 80-200/f2.8 dazu, das aber in dreiviertel der Fälle in der Tasche bleibt.

Warum arbeite ich so und was ist dabei zu beachten? Kurz gesagt, die Fähigkeit, mit wenig Licht und geringer Schärfentiefe zu fotografieren, sind die Gründe, warum ich über die Jahre von klassischen Zooms auf Primes umgestiegen sind. Ich mag auch der bei Event-Fotografie einfach kein Blitzlicht. Dabei hat sich zwangsläufig auch meine Bildsprache entwickelt. Denn Prime-Objektive zwingen dazu, den Bildausschnitt über die Wahl des Standorts zu bestimmen und nicht über die Brennweite. Und mit der Brennweite verändert sich auch die Art der Abbildung – ein Effekt, den gerade Anfänger oft unterschätzen.

Arbeite ich aber mit Primes, wähle ich zuerst die Brennweite entsprechend der Eigenheit der Szene, die ich abbilden möchte. Erst dann suche ich mir den geeigneten Standort für den passenden Bildausschnitt. Das sieht man dem Bild an. Außerdem gilt: Die Beschränkung auf eine Brennweite macht Kreativität geradezu zwingend erforderlich. Neue Perspektiven gibt‘s nur, wenn man sich im Raum bewegt. Apropos bewegen: Nikons „Holy Trinity“ wiegt deutlich mehr als mein Prime-Set. Allerdings arbeite ich bei wichtigeren Shoots immer mit zwei Kameras – um seltener Objektive wechseln zu müssen. Und das ist auch nicht unbedingt leicht – im wahrsten Sinn des Wortes. Für den Objektiv-Wechsel nutze ich übrigens eine Objektiv-Austauschtasche 100 AW von Lowepro.

Es kommt darauf an, einen Standpunkt einzunehmen -
auch im mentalen Sinn.

Ein häufiges Argument: Zooms wiegen zwar mehr, decken dafür aber alle gängigen Brennweiten ab. Kriegsfotograf Don McCullin zum Beispiel war allerdings im Vietnam-Krieg nur mit einer 35- und einer 135-Millimeter-Festbrennweite unterwegs. Sein Werk ebenso wie das vieler Kollegen und Kolleginnen seiner Generation, die in der Regel mit Festbrennweiten gearbeitet haben, zeigt: Es kommt beim Fotografieren nicht so sehr darauf an, jede mögliche Objektiv-Brennweite zur Verfügung zu haben, als vielmehr, einen Standpunkt einzunehmen – und das nicht nur im buchstäblichen, sondern auch mentalen Sinn.

Es gibt sogar Stimmen – und die sind mir nicht ganz unsympathisch – die eine Beschränkung auf eine einzige Brennweite, zum Beispiel das 50-Millimeter propagieren. Die Fotografin Marta Bevacqua zum Beispiel gehört dazu. Ich kann ihren Argumenten gut folgen, packe selber nur das 50er ein, wenn ich besonders leicht unterwegs sein will. Bei Aufträgen für Klienten würde ich das allerdings nicht tun. Insbesondere nicht im Event-Bereich: Oft steht hier der Standort, der zur Brennweite passt, einfach nicht zur Verfügung. So brauche ich das Weitwinkel, um den Saal zu fotografieren. Und das Tele, um die Bühne im Griff zu haben. Trotzdem mein Tipp nicht nur an Anfänger, deren Kamera oft mit einem Standard-Zoom mit wenig Lichtstärke ausgestattet ist: Ein 50-Millimeter mit Blende 1/1.8 ist für die meistens Systeme nicht nur preiswert zu haben, sondern tut auch der eigenen fotografischen Qualität gut.

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