Ist Journalismus eine private Angelegenheit?

Von Tilman Lochmüller // Dienstag, Juli 23, 2013
Ist Journalismus eine private Angelegenheit?

2010 war ein für den Journalismus denkwürdiges Jahr. Erstmals in der Geschichte der wichtigsten US-amerikanischen Medien-Auszeichnung, des Pulitzer-Preises, gewann eine Online-Publikation die goldene Medaille: der Internet-Dienst ProPublica. Und zwar mit einem Artikel über die Arbeit in einem Krankenhaus in New Orleans nach dem Hurrikan Katrina. Ebenfalls bemerkenswert, insbesondere für deutsche und europäische Journalisten: ProPublica ist kein Medienunternehmen sondern eine Non-Profit-Redaktion, eine gemeinnützige Nachrichtenorganisation, vor sechs Jahren von einem Milliardärs-Ehepaar gegründet.

30 Redakteure arbeiten hauptamtlich bei ProPublica, ihr Chef ist Paul E. Steiger, ehemals Chefredakteur beim Wall Street Journal. Das Ganze war also auch schon vor dem Pulitzer-Preis keine ehrenamtliche Hobby-Veranstaltung.

Nun könnte und muss man sich vermutlich fragen, was dies für den Journalismus bedeutet, jener „vierten Kraft“ im Staat, die unparteiisch über Missstände berichten und ohne Agenda das Gewissen der Demokratie sein soll, wenn Privatleute ohne finanzielles Interesse preiswürdigen Journalismus verursachen. Und nicht die New York Times oder die Nixon-Killer von der Washington Post.

"Der Journalismus ist tot, es lebe der Journalismus". Das wäre die Kurzformel. Und ProPublica zeigt den Weg für die Wiederauferstehung. Meine Vermutung: Immer mehr Medien werden sich zu Recherche-Büro zusammenschließen. Die wirtschaftliche Anspannung in der Medien-Branche auf der einen Seite, und die Anspruchshaltung der Social-Network-affinen Rezipienten auf der anderen Seite werden es notwendig machen, besseren Journalismus, präzisere Recherche für weniger Geld zu produzieren. 

Schon in ihrem Buch "Internationale Kommunikation" (Miriam Meckel, Markus Kriener (Hrsg.), Westdeutscher Verlag, 1996) schreibt Miriam Meckel, dass der moderne Journalimus seine Wurzeln im mittelalterlichen Marktplatz hat, der "zunächst durch die Zeitung, später dann durch Hörfunk und Fernsehen ergänzt, erweitert und zum Teil auch ersetzt [wurde]" (Seite 276). Nun: Der Markplatz ist zurück in Form von Facebook und Whatsapp. Um sich auf diesem bewähren zu können, muss man eine lautere Stimme und bessere Argumente haben als die Scharlatane und Wunderheiler nebenan.

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